Mittwoch, 26. Februar 2014

KEINE FAMILIENGESCHICHTEN

es sind besondere momente, wenn einem die großeltern geschichten aus ihrem leben erzählen. in meiner generation handelten diese meistens vom krieg, oder von der zeit kurz danach. wenn man selbst noch jung ist interessiert man sich jedoch dummerweise nur recht selten für diese alten geschichten, da hat man andere dinge im kopf.

leider kann ich selbst nicht sagen, ob ich solchen erzählungen zugehört hätte, denn mir wurden nie welche erzählt. ich frage mich bis heute, ob das nun glück oder pech war. einerseits lag es daran, dass ich meine großeltern nur selten sah, da sie immer weit weg wohnten, andererseits verstarben sie recht früh. wobei, so ganz stimmt das auch wieder nicht...

mein großvater väterlicherseits verstarb als ich ca. 5 jahre alt war, also gab es keine gelegenheit großartig geschichten aus dem krieg, oder ähnliches zu erzählen. meine großmutter verstarb vor ca. 14 jahren, von ihr bekam ich dann auch hin und wieder etwas erzählt, aber eher immer nur ganz kurze randbemerkungen. und diese geschichten waren meistens aus der zwischenkriegszeit. und, wie gesagt, ich sah sie ja nur selten.


mütterlicherseits gab es für mich sozusagen sogar 3 großväter. zunächst einmal war da mein urgroßvater, der für mich in meiner erinnerung, und auch "emotional" den platz des großvaters einnahm. doch auch er verstarb als ich noch sehr jung war, entweder kurz vor, oder kurz nach nach dem vater meines vaters. dann gab es den "richtigen" großvater, mit dem mich jedoch kaum etwas verband. das lag vor allem daran, dass wir bei besuchen unserer deutschen verwandtschaft immer im haus der urgroßmutter residierten, denn dort war genug platz vorhanden. großmutter und großvater kamen dann dort immer "zu besuch". andererseits war dieser großvater nicht mein leiblicher großvater, was mir jedoch erst sehr viel später erzählt wurde, als ich schon lange erwachsen war. so wurde mir auch klar, warum ich mit meinem vermeintlichen großvater nie wirklich warm wurde, wir waren schlicht und einfach total verschieden. ich habe ihn nie verstanden und er mich nicht. vielleicht lehnte er mich auch unbewusst ab, da ich mit ihm ja nicht blutsverwandt war, was weiss ich.


jedenfalls, selbst wenn wir uns verstanden hätten, hätte es keine geschichten aus dem krieg gegeben, denn er erlebte diese zeit als kind. andererseits erfuhr ich auch erst im fortgeschrittenen erwachsenenalter, dass er urspränglich aus berlin oder umgebung stammte (rückblickend hätte ich es eigentlich an seiner sprache, bzw. an einigen typischen berlinerischen begriffen, wie zb. das "wa?" bemerken müssen) und wohl zusammen mit einer gruppe flüchtlinge in die gegend kam. warum er blieb wurde mir jedoch nie erzählt. anscheinend hat er dann meine großmutter geheiratet, als sie mit meiner mutter von einem anderen schwanger war. genaueres habe ich nie erfahren.

diese famlílie verstand es gut geheimnisse zu bewahren, so erfuhr ich ebenfalls erst sehr spät von einer anderen verwandten, die offenbar geächtet wurde. es war die schwester meines urgroßvaters. offenbar hatte sie die restliche familie um grundbesitz und geld betrogen, deshalb wurde sie von meiner urgroßmutter geächtet - und somit auch vom rest der familie. irgendwann begannen dann aber doch alle verwandten reihum kontakt zu ihr aufzunehmen, und da diese spezielle verwandte anscheinend genau wusste was sie getan hatte, begann sie auf die eine oder andere art geld unter den verwandten zu verteilen. nur meine familie, also meine eltern und wir kinder hatten nie gelegenheit dazu, denn die urgroßmutter durfte ja nicht erfahren, dass es kontakt zur geächteten gab.

ich habe auch nie erfahren wer mein leiblicher großvater war. kein name, keine geschichte, einfach nichts. ich weiss nur, dass er inzwischen offenbar nicht mehr lebt. da er jedoch sein aussehen meiner mutter vererbt hatte, und diese wiederum mir (so wie auch ich meines an meinen nachwuchs), kann ich davon ausgehen, dass er mir wohl ähnlich sah.

aber vermutlich hat wohl jede familie ihre dunklen geschichten die sie verschlossen hält. so wurde auch immer um einen selbstmordversuch einer der schwestern meines vaters immer ein großes geheimnis gemacht, so als ob es eine große schande gewesen wäre. auch so eine geschichte, die ich erst im reiferen erwachsenenalter erfuhr.

man sollte sich viel mehr geschichten erzählen, nicht erst auf beerdigungen.